Die Eleganz und Harmonie des Holzschnittes beruhigt das Auge. Gleich wohl fühlt sich der Betrachter beim Erforschen der in das Holz geschnittenen Motive, die sich fließend und schmeichelnd der Maserung des Holzes annähern, sie begleiten, sich unterwerfen, nur im seltensten Fall dominant darüber hinweg ziehen. So entwickelt sich ein Zwiegespräch zwischen Natur und Künstler, das nur bei ausgeprägtem Feingefühl und Hellhörigkeit zustande kommen kann. Trotz dieser erforderlichen Toleranz dem Holz gegenüber ist das Endergebnis von bestechender Großzügigkeit, die noch durch die klare Farbgebung, bevorzugt in rot-schwarz, betont wird. Hier gibt es keine Herumdeutelei, keinen Firlefanz, kein Geschnörksel, die Dominanz des Schnittes ist eindeutig. Die weichen, fließenden Formen, ob figural oder der Fantasie entspringend, können nicht allein mit dem Attribut weiblich behaftet werden, denn sie entspringen einer Liebe zur Natur und vor allem zum Wasser, die die Künstlerin schon ein Leben lang begleitet. In Wilhelmsburg 1943 geboren und groß geworden, schon damals war die Traisen ein Rückzugsort des heranwachsenden Mädchens, ist nach der Verehelichung 1962 ihre neue Heimat, St. Pölten, wieder in der Nähe des fließenden Wassers der Traisen.
Nicht verwunderlich ist daher die häufige Motivwahl von dem Wasser nahestehenden Wesen, wie Nixen, fabelhaften Schlingengestalten und das Wasser überkreisenden Vögel. Ganz ihrer harmoniebedürftigen Art entsprechend kann die Künstlerin aus jedem Stück Holz die Natur herauslesen. Sie benutzt und unterstreicht sie, aber verleugnet sie niemals. Und diese Symbiose, natürlich gewichtet nach dem jeweiligen Material und Motiv, ist das wohltuende an der Kunst der Gertraude Erlacher.
Sie kam erst über Umwegen zum Holzschnitt, aber das Holz war ihr sehr wohl seit langem bekannt und formbar, denn ihr Zugang kam über die Holzschnitzerei. Diese war ihr ebenso gut gelungen, schon damals dominierten klare und weiche Formgebung, sowie das Erarbeiten von vorgegebenen Formen aus dem Wurzel- oder Holzstock. Ihre Vielseitigkeit stellt sie aber mit ihren eindrucksvollen Reiseskizzen unter Beweis. Der schnelle, flüchtige Augenblick einer Basarszene, der Kamelritt oder der Dorftratsch, keine ausgearbeiteten Blätter, sondern so wie der Moment der Aufnahme durch die Sicht der Künstlerin durch den Zeichenstift auf das Papier hingeworfen. Zum Aquarell hatte die Künstlerin schon jeher eine Neigung, diese Form der malerischen Aussage hat eine große Beständigkeit in ihrem Schaffen, wird auch zur topographischen Darstellung bevorzugt von ihr eingesetzt. Neben Druckversuchen auf textiler Basis, hat auch die Ölmalerei Einzug in ihr großes Oeuvre gehalten. Aber die große Liebe ist und bleibt wahrscheinlich der Holzschnitt, denn in ihm kann sie sowohl die zeichnerische Lust wie das manuelle Bearbeiten einer Materie ausleben. Und war einmal kein geeignetes Holz vorhanden, so hat die Künstlerin sich selbst Tonplatten verfertigt, die dann durch Bearbeiten mit dem Messer oder durch Kratzen und Schaben ihrer Vorstellung entsprechende Motive zeigten. Das Ergebnis musste aber vorsichtig auf Papier gebracht werden, denn die Bruchgefahr ist groß. Seit längerem schöpft sich die Allrounderin auch Papier für gewisse Vorhaben selbst. Durch dessen grobe Struktur erhalten die darauf gedruckten Holzschnitte wieder einen anderen Reiz. So bleibt fast keine Technik unberührt, in letzter Zeit entstehen auch Materialdrucke, interessant ist dabei, wie mit spärlichstem Material durch die Drucktechnik gefüllte Blätter entstehen. Vielleicht ist das schon eine unbewusste Hinwendung zur Assemblage, Objekte und Installationen könnten folgen.
Durch einen Exlibrisauftrag kam sie vom bis dahin bevorzugten Langholz zum Hirnholz. Dieses neue Gefühl des Bearbeitens, das Hirnholz bietet viel größeren Widerstand, ist wesentlich härter, aber hat natürlich auch andere Möglichkeiten, ist momentan die große Herausforderung für die Künstlerin. Eine Kostprobe ist das witzige Blatt des Eis- und Balletttanzenden Steinbockes, das Ergebnis des Exlibrisauftrages. Die Darstellung zeigt eine gewisse Neigung zur Karikatur, aber immer mit Respekt. Es war nicht das erste Blatt, die Künstlerin hatte für die Exlibrissammlerin und Künstlerin Susanne Kolar vor Jahren ein Blatt radiert, danach einige Blätter für die eigene Familie in Lang und Hirnholz geschaffen. Weitere Blätter werden hoffentlich folgen.
Der Urgroßvater der Künstlerin war ein Glasbläser in Gablonz, der Großvater brachte die Familie nach Wilhelmsburg, die Familien waren immer kinderreich. So begann der künstlerische Werdegang in einer Lehre in einem Fotolabor in St. Pölten, diverse Fernkurse, Abendkurse am BFI bei Zöchling und Tobner jun. schlossen sich an. Seminare bei Schmitt, Stockbauer, Swoboda, Scouvala und Fischer zeigten ihr die Möglichkeiten ihrer eigenen Kunst auf. Ihre Scheu legte sie aber erst in den Kursen des Eisenbahnerkulturvereines ab, dort fand sie Verständnis, Aufmunterung sowie gute Ratschläge bei erfahrenen Kollegen und den Rat, sich der Aquarellmalerei zu widmen. Über viele Stationen kam sie zum Holzschnitt, dessen letzten Schliff hat sie sich aber durch mühevolles und ausdauerndes Erproben von Schnitttechnik und Schnittführung selbst erworben, daher diese Authentizität, die jedes Liebäugeln mit Effekthascherei vermissen lässt. Hört man dann, wie sie plötzlich ein Motiv vor sich entstehen sieht, dann weiß man, dass es vor allem der Mensch ist, in der Beziehung zu Zeit und Raum, der den größten Teil ihrer Arbeit bestimmt. Der Dirigent, die Wiedergabe eines Schattenspieles in einer Licht durchfluteten Kirche, die Instrumente spielenden Akteure, weisen auf ihre Vorliebe für Musik hin.
So sind die Stunden in ihrem Atelier oben im Haus unvergesslich, sei es wegen ihrer warmen und herzlichen Art, ihre Kunst dem Betrachter verständig zu machen oder wegen der allgemeinen heimeligen Atmosphäre in dem mit Farbentuben, Tiegeln, Pinseln, Papier, Holz und so vielen anderen künstlerischen Dingen ausgefülltem Raum. Beim Verlassen des Ateliers bleibt der unaussprechliche Duft nach Farbe, Terpentin und anderen Zaubermischungen in der Nase und im Gedächtnis hängen.
In der umfangreichen Ausstellungsliste, Gruppen- und Einzelausstellungen, überwiegen die Teilnahmen bei den Ausstellungen des St. Pöltener Künstlerbundes, bei dem die Künstlerin seit 1972 Mitglied ist, bei der Gruppe PENTA besteht die Mitgliedschaft seit 1974. Weiters ist sie noch Mitglied im Lilienfelder Kulturclub. Durch Ankäufe von Prof. Gutkas für die Stadt St. Pölten befinden sich etliche topografische Blätter im Besitz der Stadt.